Presseartikel zum BUND-Podium zu "Grün in der Stadt" am 3.05.2017

Artikel von Dunja Bernhard über die Podiumsdiskussion zum Thema "Grün in der Stadt" in der VHS Rottenburg am 3. Mai 2017. Dazu: Baubürgermeister Weigel äußerte sinngemäß "...die Mehrheit findet Bäume in der Stadt schlecht" gleich in seinem ersten Podiumsbeitrag eventuell auch um klarzustellen, dass die "BaumfreundInnen" in dieser VA eigentlich in der Minderheit seien. Natürlich ist sein Statement etwas verwegen, denn während sich BürgerInnen in der BUND-Geschäftsstelle über Baumbeschädigungen oder Rodungen beschweren, melden sich bei der Baubehörde vorwiegend BürgerInnen, die sich über wegfallende Parkplätze oder "Baumschmutz" ärgern.

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Grün in der Stadt

Innen-Nachverdichtung vor Erschließung von neuen Flächen am Siedlungsrand oder im Außenbereich - eine langjährige Forderung des BUND. Doch mittlerweile ist es nicht nur Alltagserfahrung sondern auch durch diverse (Meta-)Studien* belegen: Wir brauchen beruhigende, klimausgleichende Grünflächen im unseren von Siedlungsflächen und Verkehr dominierten Kommunen. Ersatzlose Streichung von Kleingärten, Beseitigung von Baumwiesen für mit etwas Betongrün verzierte Tiefgaragen und andere Eingriffe können zur Verschlechterung auch des sozialen Klimas führen. Deshalb dürfen kommunale Entscheidungsgremien Verdichtungsmaßnahmen nicht Investoren und Bauträgern überlassen, deren Pläne auf dem Papier dank viel grüner Farbe oftmals natur- und menschfreundlicher erscheinen als sie es in der Realität sind. Mangels ausreichender Baukontrollen werden immer wieder nicht einmal die wenigen Auflagen zum Erhalt bzw. zur Neuanpflanzung eingehalten, die in den Bebauungsplänen festgeschrieben sind. Neben Kommunen gehören u. a. Firmen, Wohnungsgesellschaften, Kliniken und Hochschulen zu den "Großgrundeigentümern". Der BUND RV Neckar-Alb fordert, dass diese ihren BewohnerInnen, MitarbeiterInnen, Patientiennen usw. vielfältige Grünflächen bieten und im Gegenzug (mehr) Zufriedenheit bekommen. Verringerte Pflegeintensität sollte durch Infotafeln und Pressearbeit ergänzt werden werden um BürgerInnen zu vermitteln: Hier handelt es sich nicht um "Schlamperei" sondern um eine gezielte Maßnahme für mehr lebendiges, buntes Grün in der Stadt.

* z. B.
- S. Heiland, Laura Bredow, Dorothea Hokema, Dennis Nowak, Katrin Rittel, Eva R. Wanka-Pail, Torsten Wilke: Gesundheitsförderung durch städtische Grünräume - Aufgabe für Naturschutz, Landschafts- und Freiraumplanung? (Health promotion through urban green spaces - Task for nature   conservation, landscape planning und open space planning)
- BUND-Publikation Stadtnatur

- Handreichung für Maßnahmen im Innenbereich, PDF-Dokument

Selbst pflanzen, selbst ernten - Zur Bedeutung von (Klein-)Gärten für StadtbewohnerInnen schreibt R. von Brunn/ BUND-Mitglied in Tübingen:

Immer mehr Kinder und Jugendliche wachsen in Stadtwohnungen ohne Garten auf. Die Verdichtung der städtischen Räume fordert dieses Opfer. Zum Ausgleich werden die Schulen angehalten, grüne Klassenzimmer, Schulgärten, lebendigen Biologie-Unterricht, Projektwochen und Experimente anzubieten.
Kleine bunte nette Faltblätter und interessante Hinweise auf der städtischen Internet-Seite erreichen die Kinder nicht. Und wenn die Informationen und Appelle zum Klima- und Naturschutz überhaupt in ihre Hände gelangen, so finden sie sehr selten den Weg in ihr Herz.
Nur aus emotional positiv belegter sinnlicher Erfahrung lernt man gern. Zum Beispiel, wenn ein selbst gesätes Radieschen rot und rund aus der Erde ragt, eine reife Tomate erstaunlich süß schmeckt, eine Blüte duftet. Wenn eine Amselmutter vor unseren eigenen Augen ihre Jungen spazieren führt, ein Igel mit leisem Schnaufen seine Abendrunden durch die Büsche dreht.

Die Zeiten, in denen Stadtkinder meinten, die Milch stamme aus dem Aldi-Regal und die Kühe seien lila, sind glücklicherweise vorbei, aber die Naturferne ist geblieben.
Gemeinschaftsgärten in Schulen können ein EIGENES Beet nicht ersetzen. Selbst säen und ernten, beobachten, wie intelligent eine Pflanze wächst, wie sie auf Zuwendung reagiert, wie sie eingebettet ist in ein vernetztes System von physikalischen, chemischen und kosmischen Prozessen, mit Augen, Ohren, Gaumen, Nasen und Händen erleben, das ist mit NICHTS zu ersetzen. 

Deshalb sind Kleingärten so wichtig. Im Tübinger Rathaus wurde nach Hunderten von Anfragen von Pacht-Willigen die Warteliste einfach geschlossen. Die Bahn hat Gelände für ihren Betriebshof reklamiert und viele jahrelange Gartenpflege vernichtet, das Güterbahnhof-Areal fiel lukrativen Bau-Aktivitäten zum Opfer, die Idyllen an der Rosentalstraße in der Weststadt müssen wahrscheinlich einer Straßenverbreiterung weichen. Die Stadtplanung hat bis heute nicht begriffen, welche Bedeutung diesen oft als „Grillplätze" geschmähten kleinen Parzellen für die kommende Generation haben. Die wenigen Bach-Gärtlein im Mühlenviertel oder die Gemeinschaftshöfe im Französischen Viertel oder in der Alten Weberei können den Bedarf nicht befriedigen und schaffen oft zusätzliche Koordinationsprobleme, die jede positive Emotion im Keim ersticken.
Individuelle Gärten kommen in Neubau-Gebieten kaum vor. Zu spießig? Zu teuer?

So teuer können die Kleingärten gar nicht sein, denn hier läuft eine Rechnung auf, die verspricht in der Zukunft immer teurer zu werden. Denn Kinder, die nie ein Verhältnis zu Pflanzen, Gewässern, zu Insekten und anderen Tieren entwickeln durften, werden als Erwachsene acht- und mitleidslos mit der Natur umgehen. Wollen wir das wirklich?

 

 



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27. November 2017

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