Konversion des Truppenübungsplatzes Münsingen

Schäfer Weckbach mit Schützling, Foto: Vst. Hess. Rhön

Biosphärenreservat Rhön und Mittlere Alb – viele Gemeinsamkeiten und einige Unterschiede

BUND RV Neckar-Alb besuchte Hessische Rhön

Nachdem Heinrich Heß – Leiter der hessischen Verwaltungsstelle und Vorsitzender des Vereins „Natur- und Lebensraum Rhön" - im Herbst 2004 auf Einladung des BUND Regionalverbandes Neckar-Alb in Münsingen über das Erfolgsmodell „Rhön“ berichtete, wurde es Zeit für einen Gegenbesuch. Schließlich haben die Raue Alb und die Raue Rhön einiges gemeinsam. Auch wenn die Startbedingungen für das Biosphärenreservat Rhön als ehemaliges innerdeutsches Grenzland wirtschaftlich weniger gut waren, als sie für das geplante Biosphärengebiet „Mittlere Alb“ (oder „Münsinger Alb“) sind. BUND-Regionalgeschäfts-führerin Barbara Lupp besuchte die Hessische Verwaltungsstelle mit seinem Infozentrum in einer ehemaligen Kaserne sowie verschiedene Betriebe.
5 Ranger und 5 Büroangestellt kümmern sich allein um die Organisation im hessischen Teilgebiet. Eine wichtige Aufgabe ist die Zusammenarbeit mit Verbänden sowie Landwirten, Gastronomen und anderen Betrieben der Region sowie mit dem Landratsamt. Da ist Flexibilität gefordert: „Bestimmte Dinge wie den Bau flächenfressender Logistikzentren, machen wir allerdings nicht,“ so Heß. Flexibilit aber auch Kreativität, Charisma und die Bereitschaft mehr als die Hälfte des Tages für seinen Betrieb und für die Sache der „Biosphäre“ zu arbeiten zeichneten alle befragten Akteure aus.
„Ich habe Freude an der Arbeit, sonst wäre ich hier fehl am Platz. Denn wir müssen auch ´mal kurzfristig am Wochenende oder nach Feierabend ´ran, wenn sich Besucher ankündigen“ sagt auch Ranger Joachim Walter. Neben praktischen Naturschutz- und Forstarbeiten ist Umweltpädagogik ein Schwerpunkt der Ranger. Führungen – allerdings nur im Non-Profit-Bereich um selbständigen Führern eine Verdienstmöglichkeit (vergleichbar mit den Alb-Guides) zu bieten. Außerdem zählt die Ausbildung von sogenannten Juniorrangern und Betreuung bzw. Kontrolle von durch Besucher stark frequentierten Gebieten zu Walters Aufgaben.
Schäfer Dietmar Weckbach betrachtet neben der Zucht und Verarbeitung von Rhönschafen - in Kooperation mit einem lokalen Metzger und einer Biobrauerei, die Futter liefert - Öffentlichkeitsarbeit für sich und das Biosphärenreservat als unverzichtbar, denn, so Weckbach: „Das BSR bietet Schutz für Landschaft und Landwirte, insbesondere in einer für Intensiv-landwirtschaft nicht geeigneten Region wie die Rhön.“ Geschäftstüchtigkeit aber nicht „Abzockerei“ so Weckbach sind bei seinem Standbein Tourismus und Fortbildung von Vorteil: „Kürzlich waren Mitarbeiter von IKEA da, die haben einiges über Teamarbeit gelernt und hinterher alle Schafwurst aufgekauft“. Neben Manager nehmen auch Behinderte und andere Gruppen an Weckbachs Workcamps teil. Vermarktet werden die Schafprodukte unter anderem ab Hof, über die Gastronomie und über eine regionale Lebensmittelkette.
Auch Landwirt Christof Gensler beschränkt sich nicht auf die Landwirtschaft (in erster Linie Mutterkuhhaltung). Schon seine Mutter verkaufte selbstgebackenes Brot, mittlerweile erfolgreich ergänzt durch verschiedene Kuchen und „Landpizza“ sowie eine Erlebnisbäckerei für Schul- und Jugendherbergskinder. Außerdem führt er einen Hofladen mit Straußwirtschaft und beliefert ein Kunstcafe. Aber: „Anfang der 90iger gab es eine Hochphase bei Hofläden, viele sind wieder verschwunden. Nicht alle guten Ideen sind überall umsetzbar“. So erging es auch dem Radweg „Poppenhuiser Bauernrunde“, der den Besuch seines und weitere Anliegerhöfe fördern sollte: Nicht erfolgreich weil zu buckelig. Auch beim Brotverkauf musste Gensler Lehrgeld zahlen: Besucher aus Frankfurt und anderen „kaputten Landschaften“, so Gensler, kaufen gern Biobrot, Einheimische nur das billigere konventionelle Brot, weshalb Familie Gensler mittlerweile den Mehraufwand auf sich nimmt, beide Varianten zu backen.
Entstehen den Landwirten Nachteile durch das BSR? „Kein Bauer hat Zeit auf BSR zu schimpfen.“ sagt Gensler. Das BSR fördere die Einhaltung der „normalen Auflagen“ bezüg-lich Gülleausbringung, Uferrandstreifen usw. durch Bewusstseinsbildung. Viel wesentlicher sei, dass das BSR die Zusammenarbeit zwischen BSR-Partnerbetrieben ( zu denen auch Genslers Hof zählt) fördere.

Ein besuchenswerter Partnerbetrieb ist die Gaststätte und Hotel „zur Krone“, ergänzt durch eigene Streuobstwiesen und eine überregional bekannte Apfelkelterei. In der Krone legt Familie Krenzer Wert auf regionale und Bioprodukte in schönem Ambiente. Möbel aus Rotker-niger Buche (übrigens eines von mehreren BSR-Projekten, das mit dem PLENUM-Projekt im Landkreis Reutlingenvergleichbar ist). Immer wieder entwickelt Jürgen Krenzer zufällig (Sherry aus überreifem Apfelwein) oder gezielt (wie z. B. Apfelchips – auch die gibt’s übrigens von der Alb) neue Produkte. Außerdem ist er Mitintiator des Aufpreismodells für Streu-obstwiesen (ähnlich dem „Reutlinger Apfelsaft“ oder „Ebbes guads“ im Landkreis Reutlin-gen): Führungen durch seinen Weinkeller scheinen Jürgen Krenzer genauso viel Spass zu machen und gut zu schmecken wie seinen Gästen: Dort werden Weine verschiedener Jahrgänge und Sorten, Sherry und Brände verkostet.
Gensler, Krenzer und andere BSR-Unternehmer loben die Verwaltungsstelle und den Verein, ärgern sich aber über Politiker und Landwirtschafts-, bzw. Aufsichtsbehörden: Gerade neue Produkte führten immer wieder zu Problemen. „Am besten grundsätzlich 2000 Euro Strafe pro Jahr einkalkulieren“, so Krenzer, „dann hat man gutes Geld verdient, wenn´s am Jahresende nur 500 Euro sind“.
Lupp sprach außerdem mit Vertretern der Naturschutzverbände und besuchte eine Möbelfabrik, einen Züchter von „Rhöner Bachforellen“, das Kaufhaus „Rhöndorf“ und die Fuldaer Zentrale von Tegut, der regionalen Lebensmittelkette, die stark auf Biolebensmittel setzt und ein verläßlicher Handelspartner für Rhöner Landwirte und Geflügelzüchter ist.
Die Naturschützer stehen voll und ganz zum BSR, sehen aber eine Vernachlässigung der Naturschutzziele, sei es weil die BSR-Verwaltung Konflikte mit übergeordneten Behörden befürchtet oder weil sie dem nicht immer naturverträglichen Tourismus Vorrang gibt. Viele Ideen von BUND und NABU seien in der Anfangszeit des BSR aufgegriffen worden, nun aber bliebe man mehr oder weniger „außen vor“.
Und was halten Besucher und Einheimische vom Biosphärenreservat? Wissen sie überhaupt, was das ist? Ranger Walter: Es gab einige Besucher, die sich anfangs über die Verlegung oder Sperrung von Parkplätzen oder wegen gesperrten Wanderwegen geärgert haben. „Einige aus dem Dorf kamen nur vorbei“, so die Jungunternehmerin Silke Breunig, „um nach eigener Aussage das Kaufhaus Rhöndorf einmal zu besuchen, bevor es wieder schließt“. Forellenzüchter Lothar Keidel: „Neider gibt´s immer“, gerade bei neuen, erfolgreichen Projekten. Aber dank zahlreicher positiver Presseberichte (z. B. über die Zunahme bzw. die Sicherung von Arbeitsplätzen dank BSR), Broschüren und Veranstaltungen nehme die Zahl der Ablehnenden oder Gleichgültigen seit Jahren zugunsten der BSR-Befürworter ab. Auch die für jung und alt interessanten Informationszentren leisten ihren Beitrag.

Auch einen Truppenübungsplatz („Wildflecken“) - allerdings noch militärisch genutzt - hat das BSR auf bayerischer Seite. Er beinhaltet Kern und Pflegezonen des BSR.
Der Besuch der Rhön bestärkte den BUND Regionalverband Neckar-Alb in seiner Unterstützung eines Biosphärengebietes auf der Alb: Zwar kleiner als die Drei-Länder-Konstruktion in der Rhön aber qualitativ – an UNESCO- Kriterien gemessen – hochwertig soll es werden.



Barbara Lupp



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